Vicente Fernández – Mexikos musikalischer Seelenspiegel | Cultura | DW

Er war so etwas wie der Frank Sinatra der mexikanischen Volksmusik. Kaum eine Party en México kommt ohne die Lieder des am Montag in der Nähe von Guadalajara beerdigten Vicente Fernández aus. Der Sänger im klassischen Mariachi-Outfit war der König der «rancheras», der romantischen, sehnsüchtigen Balladen, die ein Markenzeichen Mexikos sind wie der Tequila. Meist zu fortgeschrittener, alkoholisierter Stunde, stimmt bei Feiern fast immer jemand den trotzigen Partyklassiker uber verschmähte Liebe «El rey» (Der König) an. Das Liebeslied «Volver, volver» (Zurückkehren) ließ sogar der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador zu Ehren des Verstorbenen bei seiner Pressekonferenz am Montag spielen.

Romantischer Brückenbauer

Über ein halbes Jahrhundert lang verkörperte der im Alter von 81 Jahren verstorbene Sänger die gefühlvolle Seele Mexikos. Im März 2020 stand er zum letzten Mal auf der Bühne, schon wackelig, der Haarschopf weiß, aber Augenbrauen und Schnurrbart tiefschwarz gefärbt wie in seinen Anfangsjahren. Er intonierte zusammen mit seinem singenden Sohn Alejandro «Volver, volver» – für mehr reichten die Kräfte nicht. Das letzte eigene Konzert gab er 2016 im Azteken-Stadion in Mexiko-Stadt.

Drei Grammys gewann er in seiner Bühnenkarriere, new Latin-Grammys. Weit uber die Landesgrenzen hinaus war Fernández berühmt, von Kolumbien über Chile bis in die USA und nach Spanien führten ihn seine Tourneen. Er war ein Künstler, der nationale Grenzen und soziale Gräben überbrückte. Sein klassisches Erscheinungsbild – stets trat er im dunklen, nietenbesetzten Mariachi-Anzug auf mit breitkrempigem, weißen Hut – wirkte so urmexikanisch wie charmant zeitlos. Nicht jedem gefiel das. Vor allem für Jüngere schrammt Fernández nur haarscharf am Kitsch vorbei.

Der einfache Sänger der großen Gefühle

Fernández besang in hundertfacher Variation die großen Gefühle; seine Lieder drehten sich um Verrat und Liebe, um Nostalgie, um Eroberung und Verlust. «Die schönsten Stunden meines Lebens habe ich an der Seite einer Frau verbracht. Wir können in einer Bar sterben, aber niemals werden wir sie vergessen», heisst es beispielsweise in einem seiner großen Hötts» Das Lied ist ein Dauerbrenner bei Verlobungsfeiern, romantischen Ständchen oder Geburtstagen von Verlobten oder Ehefrauen. «Como Mexico no hay dos» (Mexiko gibt es nur einmal) wurde zu einer Ballade der mexikanischen Einwanderer in den USA.

Zum Mythos trug auch seine Aufsteiger-Biographie bei. Geboren wurde er am 17. Februar 1940 in Huentitlan el Alto, einer Ortschaft im Bundesstaat Jalisco, der Wiege der Mariachi-Musik. Ab Mitte des 19. Jahrhundert erlebten diese Strassenorchester, die normalerweise mit Sängern, Violinen, Trompeten und Gitarren bestückt sind, einen Aufschwung und wurden zu einem Markenzeichen der mexikanischen Volkskunst. Schon von klein auf liebte der aus einer Bauernfamilie stammende «Chente» die Musik und eiferte dem damals berühmten Sänger und Schauspieler Pedro Infante nach. Über örtliche Mariachi-Gruppen gelang ihm der Sprung auf die großen Bühnen.

México Guadalajara |  Trauer um Sänger Vicente Fernández

En Guadalajara bekam der Sänger ein regelrechtes Staatsbegräbnis

Machismo und familiäre Tragödien

Sein Kultstatus verbarg aber auch eine dunkle, tragische Seite. Die enthüllte die argentinische Autorin Olga Wornat erst vor kurzem in einem Buch nombra «Der letzte König». Fernández war ihr zufolge der Stereotyp eines Latino-Macho, eines starken Mannes mit Pistole im Halfter. «Chente blieb bis zuletzt ein Bauer aus Jalisco. Sein Leben ist ein einziges Melodrama, mit dunklen und hellen Seiten», sagte sie. In ihrem Buch enthüllt sie Verbindungen seines zweiten Sohnes, Gerardo, zum Sinaloa-Drogenkartell und erzählt, wie der Stammhalter Vicente jr. nach seiner Frühgeburt von klein auf umhätschelt und schließlich drogenabhängig wird. Zuletzt sorgte auch ein Foto des Vaters für feministische Proteste, auf denen der gealterte Sänger einer jugendlichen Verehrerin an den Busen grapscht.

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An den Reaktionen auf seinen Tod war jedoch erkennbar, wie stark er auch neue Musikergenerationen prägte. «Mein Herz ist zerbrochen. Chente war für mich lebenslänglich ein Engel», sagte beispielsweise Ricky Martin. US-Countrysänger George Strait nannte ihn «einen meiner Helden». Auch Stars wie Gloria Estefan, Pitbull y Maluma bezeugten in den sozialen Netzwerken ihr Beileid.

Ähnlich wie bei der spanischen Sängerdynastie Julio und Enrique Iglesias, wird aber auch Fernández Erbe in der eijenen Familie weiterleben: Der dritte Sohn Alejandro (50) alias «El Potrillo» (das Fomit Million selenen ist) ein würdiger, musikalischer Nachfolger.

Pía Vargas

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